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Mittwoch, 17. November 2010

Knigge mit Stäbchen

Vielen ist bekannt, dass Japaner so ziemlich alles mit Stäbchen essen. Kein Reiskorn ist zu klein und keine Nudel zu schlüpfrig für die seit ihrer Kindheit trainierten Asiaten. Auch als Tourist oder Austauschstudent muss man sich an dieses - zugegeben schwierige - Esswerkzeug gewöhnen. Denn auch im Umgang mit den Holzstäbchen gibt es gewisse Regeln zu beachten, an die man sich halten sollte, wenn man etwas Anstand demonstrieren möchte.

Und da Japaner nun mal sehr regelliebend sind, wurden für die einzelnen Fehltritte sogar bestimmte Begriffe definiert. Jeder einzelne Fauxpas hat also auch einen Namen, welche ich mal im Folgenden erläutern werde.


Copyright (C) 2010 Kodomo Kurabu All Rights Reserved.
Copyright (C) 2010 Iwasaki Shoten All Rights Reserved.

Die Illustrationen habe ich von Yahoo Japan, und kann man hier und hier nachschlagen.


Nr. 1 (mayoibashi):
In der traditionell japanischen Esskultur stehen viele einzelne und kleine Schälchen auf dem Tisch. Oftmals werden die Schalen dann auch für alle in die Tischmitte gestellt, damit sich jeder daraus bedienen kann.
Man kann zwar durcheinander aus den Schalen essen, aber man sollte mit den Stäbchen nicht wahllos über den Schalen herumkreisen. Zusatzpunkt: Zwischen den Beilagen immer eine kleine Portion Reis essen, damit man beispielsweise nicht nur das Gemüse wegfuttert und der Reis übrig bleibt.

Nr. 2 (sashibashi/tsutsukibashi):
Auch wenn die Kartoffel noch so rund ist und wegkugelt; man sollte das Essen stets mit den Stäbchen greifen und nicht aufspießen. Kleiner Tipp: Runde oder große Stückchen kann man zerteilen, indem man kurz mit den geschlossenen Stäbchen hineinpiekst und es dann beim Öffnen der Stäbchen auseinanderzieht oder -bricht.

Nr. 3 (sashibashi):
So wie man hierzulande nicht mit dem nackten Finger auf andere Leute zeigt, so sollte man in Japan auch nicht die eigenen Stäbchen dazu benutzen, um auf andere Dinge oder Leute zu zeigen.

Nr. 4 (tatakibashi):
Auch wenn die Stöckchen dazu verleiten sollten, wäre es unangebracht mit ihnen auf dem Geschirr wie bei einem Schlagzeug herumzutrommeln.

Nr. 5 (namidabashi):
Greift man sich ein besonders saftiges Stück, so kann es passieren, dass man den Tisch damit volltropft. Um dies zu vermeiden, kann man fix seine Reisschüssel unterschieben, welche man eh in der Hand halten darf, damit kein Tropfen daneben geht.

Nr. 6 (saguribashi):
Auch wenn man die leckersten Klösschen ganz unten in der Schale vermuten sollte, so darf man nicht mit den Stäbchen nach ihnen in der Schüssel wühlen unzd danach suchen.

Nr. 7 (utsuribashi):
Das Essen mit den Stäbchen von der Schüssel sicher in den Mund oder auf den Reis zu bekommen, kann für ungeübte Stäbchenhalter ein langer Weg sein. Trotzdem sollte man sich nicht davon verleiten lassen, den Happen die letzten Zentimeter zu werfen oder gekonnt in den Mund zu schleudern. Vollkontakt ist wichtig.

Nr. 8 (watashibashi):
Wie man das Esswerkzeug nach der Mahlzeit hierzulande auf dem Teller ablegt ist teilweise umstritten bzw. variiert je nachdem, ob es geschmeckt hat oder nicht. Hat man hingegen in Japan aufgegessen, so gehören die Stäbchen immer neben oder in die Reisschüssel. Oftmals gibt es für sie auch ein kleines Bänkchen als Ablage. Vermeiden sollte man jedoch, dass man die Stäbchen wie eine Brücke quer über die Schüssel legt.

Nr. 9 (yosebashi):
Will man eine Schale näher an sich heranbringen, so sollte man sie nicht mit den Stäbchen heranziehen, sondern die eigenen Hände benutzen oder höflich danach fragen.

Nr. 10 (kakikomibashi):
Die Reisschale in die Hand zu nehmen und daraus zu essen ist zwar erlaubt, doch sollte man sie nicht an den Mund setzen und das Essen von ihr heraus in den Mund schaufeln.

Nr. 11 (neburibashi):
Auch wenn das Essen noch so lecker war, sollte man nicht die Spitze der Stäbchen mit der Zunge ablecken.

Nr. 12 (kuwaebashi):
Hat man sich gerade etwas mit den Stäbchen in den Mund befördert, so sollte man diese nicht im Mund behalten und dann seine Hände benutzen. Sollte man beispielsweise jemanden eine Schale reichen, dann die Stäbchen immer dabei ablegen.

Nr. 13 (seseribashi):
Steckt einem etwas zwischen den Zähnen, dann sollte man nicht die Stäbchen als Zahnstocher verwenden. Oftmals liegen dafür auch eigens Zahnstocher in Lokalen bereit, oder werden bei Einwegstäbchen mit in die Packung gelegt. Das Kauen auf den Stäbchen ist ebenso ungern gesehen (kamibashi)

Nr. 14 (komibashi):
Ein zu großes Stück genommen? Selbst schuld, denn den Batzen sollte man nun nicht mit den Stäbchen in den Mund hineindrücken. Lieber etwas vorausschauend planen und das Essen vorher zerkleinern.

Die letzten zwei Beispiele sind wahre Delikte am Esstisch und sollten tunlichst vermieden werden, damit man niemanden empört!

Nr. 15 (
hiroibashi/hashiwatashi):
Möchte man jemanden etwas Kleines von seiner Schüssel zum Probieren geben, oder wird einem etwas angeboten, so sollte man darauf achten, dass das Essen nicht von Stäbchen zu Stäbchen gereicht wird. Denn dies erinnert an das buddhistische Totenritual, bei dem die Reste des eingeäscherten Körpers mit Stäbchen auf diese art und Weise weitergereicht werden.
Man sollte den Happen daher auf die Schale des anderen Legen, oder ihn füttern (bsp.: Kind).

Nr. 16 (hotokebashi):
Weiterhin sollte man seine Stäbchen niemals senkrecht in den Reisberg in seiner Schüssel stecken. Stirbt eine Person in der Familie, so wird eine Schale mit Reis auf dem Hausaltar dargeboten, indem die Stäbchen dann in dieser Form in den Reis gesteckt werden.

Natürlich gibt es neben diesen noch weitere Regeln, welche man beim Umgang mit den Stäbchen beachten sollte (beispielsweise nicht in die Haare stecken), aber das würde wohl zu sehr ins Detail führen. Weiterhin gibt es neben den Stäbchen auch noch Gläser oder Schüsseln, welche man in bestimment Situationen auf eine bestimmte Art halten oder weiterreichen sollte.

Knigge in Japan ist ein interessantes Thema voller spannender Unterschiede zu unseren Tischsitten. Wenn man sich also damit befassen sollte, so kann man mit Sicherheit viel über die japansiche Kultur lernen.


Soweit von mir.


Dienstag, 19. Oktober 2010

Jahreszeiten - Gefühlssache

Die Idee für diesen Beitrag kam mir, als ich eines Tages auf einen Begriff namens fuubutsushi stieß, welcher Objekte beschreibt, die Gefühle von Jahreszeiten hervorrufen können. Und solche Objekte gibt es in einem Land, welches sich noch sehr mit den Jahreszeiten verbunden fühlt, reichlich.

Neben den auch hierzulande bekannten Klassikern wie rotes Herbstlaub oder Weihnachtsbeleuchtung, gibt es auch einige japantypische Reize, bei denen der Japaner in Gedanken der dazugehörigen Zeiten verfällt. Viele dieser Dinge werden auch in Geschichten oder Filmen verwendet, um ein besseres Gefühl für die gerade vorherrschende Zeit hervorzurufen. Gehen wir mal einige Dinge anhand von beispielhaften Situationen durch.

Einige der Begriffe im Text wurden übrigens verlinkt. Meistens sind es Videos oder Bilder zur besseren Anschaulichkeit. Sind die Wörter also unterstrichen, kann man draufklicken.

Frühling

Stellt euch einmal einen japanischen Mittel- oder Oberstufenschüler vor, welcher an seinem ersten Tag im neuen Schuljahr zu seiner Schule geht, während überall blassrosa Kirschblüten herabfallen. Wer diese Bild schon einmal in seiner Lieblingsserie gesehen hat, der merkt es sofort: Dort herrscht gerade Frühling!
Kirschblüten und das gemeinsame Essen unter den Bäumen sind der Schlüsselreiz dieser Jahreszeit, und haben sogar ein eigenes Vokabular. Nebenbei gibt es sogar für jeden Monat eine charakteristische Blume, Blüte oder Pflanze. Wer schon einmal das Kartenspiel hanafuda gespielt hat, der weiß, was ich meine.
Ebenso beginnt für die Schüler und Studenten am 1. April ein neues Schuljahr beziehungsweise Semester, und auch für die arbeitende Bevölkerung geht es wieder in ein neues Arbeitsjahr. Der Frühling ist also auch die Zeit des (unbeliebten) Neuanfangs.

Unzertrennlich: Der Japaner und die Kirschblüten im Frühling.

Hina matsuri und kodomo no hi liegen genauso im Frühling, wie die Golden Week.

Sommer

Wenn die Regenzeit endlich vorbei ist, kann man bei schwüler Hitze auf der Terrasse sitzen, während in der Ferne die Zikaden kreischen und im offenen Fenster ein Windspiel klingelt. Abends geht es dann im yukata (Sommerkimono) auf ein kleines, lokales matsuri (Fest) und man schaut sich später am Flussufer noch ein großes Feuerwerk an, während man in eine Wassermelonenscheibe beißt und das dazugehörige „Ahh...! Natsu da ne!“ jauchzt. Zu Deutsch: „Ahh...! Es ist Sommer!“

In Japan knallts nicht zum Neujahr, sondern im Sommer.

Ebenfalls der Sommer: Große Wolken und Mädels im yukata.



Die Windspiele verschaffen mit ihrem klaren Klang ein Gefühl von Frische.

Da es zu dieser Zeit sehr heiß und unangenehm werden kann, haben sich viele Tricks zum Kühlen in den Sommermonaten entwickelt, welche auch zu fuubutsushi geworden sind. Runde oder Faltbare Fächer gehören ebenso zur „Sommerfrische“ (hisho), wie das Versprengen von Wasser (uchimizu) oder (etwas unromantischer) der Ventilator und die Klimaanlage.

Auch eine tolle Erfrischung: kakikoori. Geraspeltes Wassereis mit Sirup.


Das Versprenkeln von Wasser soll durch die Verdunstungswirkung auf dem Boden kühlen. Im Video sieht man das alljährliche uchimizu der Maids in Akihabara. Nebenbei kann man auch kurze Blicke auf die Fächer und die yukata erhaschen.


Herbst

So langsam nähert sich der Herbst mit kühlen Winden und blutrot verwelkenden Ahornblättern, und man kann schon kleine rote Libellen umherschwirren sehen. An Schulen und Universitäten ist man mancherorts mit Sport- oder Kulturfesten beschäftigt und in der Nacht kann man zusammen mit Freunden den großen Herbstmond am Himmel betrachten, während die Grillen im Gras zirpen.

Roter Ahorn: Man sollte im Herbst auf den Berg Takao klettern. Die Herbstfarben sind atemberaubend.

Winter

Während der kalten Jahreszeit kann man besonders in der Vorweihnachtszeit glitzernde und funkelnde Dekorationen an Bäumen und Häusern finden. Wenn es draußen sehr kalt ist, kann man es sich in der Wohnung unter dem kotatsu (Tisch mit Heizung) bequem machen und fernsehen.

Holzpyramide versus Illumination: Vergleichsweise mal die etwas mehr "deutsche" und die "japanische" Dezemberstimmung.

Altes Bild. Beim Deutsch-Gasshuku 2009 hatte ich einen kotatsu im Zimmer. Da es im Raum recht kalt war, kann man der dicken Decke und dem Heizstrahler darunter die Heizarbeit machen lassen. Direkt in der Nähe davon stand übrigens der Fernseher.

Zur Jahreswende strömen viele Menschen zu den Tempeln und Schreinen und beten für ein glückliches Jahr. Die Menschenmassen an den ersten drei Tagen im neuen Jahr sind dann unglaublich groß.

Am Schrein von Warabi ging es noch verhältnismäßig gediegen vonstatten. Jedoch war der Meiji-Schrein im Neujahr 2010 (wie immer) total überlaufen.


Die oben erwähnten fuubutsushi sind bei weitem nicht alles, was man erleben kann! darüber hinaus gibt es noch in der traditionell japanschen haiku-Dichtung bestimmte Begriffe, welche ihre eigene Zuordnung zu bestimmten Jahreszeiten haben. Die Japaner scheinen sich im Laufe der Zeit ein Händchen für solche Dinge entwickelt zu haben.

Mit einem solchen Vokabular kann man sich die Besonderheiten einzelner Jahreszeiten viel besser bewusst machen und lernt diese auch mehr zu schätzen. Man kann sich noch auf die Feuerwerke und Feste im Sommer oder Illuminationen im Winter freuen.
Man stelle sich nur einmal vor, hier würden schon die Lebkuchen im Sommer verkauft werden. Das würde doch die Vorfreude ruinieren, oder?


Soweit von mir.


Mittwoch, 8. September 2010

Geld in Japan - Der Yen

Hier steht schon einiges in diesem Blog, doch irgendwie habe ich es geschafft über eine Sache bisher überhaupt nichts zu schreiben. Dabei war sie auf meinen Reisen in Japan immer mit dabei: Das japanische Geld. Hier erstmal ein paar Fahndungsfotos:



Kleingeld. Die 1, 5, 10, 50, 100 und 500 Yen Stücken von beiden Seiten.

Und die Scheine. Der 2000 Yen Schein ist übrigens seeeehr schwer in Japan zu finden. Selbst Japaner staunen, wenn sie den sehen. Ich habe ihn selbst nie besessen und man bekommt ihn angeblich nur noch im Ausland eingewechselt. Wer sein Geld sparsam ausgeben möchte, der kann sehr grob 100 Yen wie einen Euro behandeln. Der wahre Kurs liegt zurzeit (September 2010) bei 100 ¥ = 0,93 €.
(Bildquelle: Wikipedia)

Schon kurz nachdem man seine ersten Schritte nach der Landung in Japan gemacht hat, kann man am Flughafen sein Eurogeld gegen den Yen einwechseln. Auch ich habe es an meinem allerersten Tag in Japan gemacht und nach dem Umtausch einige Sachen an der neuen Währung festgestellt:
Zuerst sind die Münzen um einiges leichter, als die Europawährung. Die 1 Yen Münze besteht sogar aus Alu und fühlt sich fast schon wie Spielgeld an. Wahrscheinlich sind die Einer so leicht, weil diese sich am schnellsten im Geldbeutel ansammeln und sonst zu schwer werden. Und während der Euro acht verschiedene Münzen hat, kommt der Yen nur auf sechs Typen. Es fehlt nämlich ein Äquivalent zur 2 Cent, 20 Cent und zur 2 Euro Münze. Dafür gibt es das 500 Yen Stück, was einer 5 Euro Münze entsprechen würde.

Das Papiergeld ist leider nicht so farbenfroh wie der Euro. Am stärksten habe ich das auf meiner Heimreise im August gemerkt, als ich wieder kunterbunte Euroscheine gegen blassen Yen bekommen habe. Es gibt keine Scheine, welche größer als 10000 Yen (100€) sind. Bei größeren Summen im Geldbeutel, hat man also vergleichsweise mehr Scheine in der Börse. Die Personen/Dinge auf dem Papier sind vom kleinsten zum größten Schein Noguchi Hideo (1000¥), das Shurei Tor (2000¥), Higuchi Ichiyou (5000¥) und Fukuzawa Yukichi (10000¥). Fukuzawa Yukichi ist für alle Leute wichtig, welche an der Keio-Uni studieren, denn diese hat er im Jahre 1858 gegründet.

Um ohne große, geschichtliche Fakten nennen zu müssen, wollte ich noch erwähnen, dass es auch viele Reformen am Yen gab, bei denen einige Scheine verschwanden und durch Neue ersetzt wurden. Darunter gehört auch der alte 5000¥ Schein, auf dem Nitobe Inazo abgebildet ist. Dieser ist übrigens für alle Halle-Universitätsstudenten wichtig, da dieser Herr seinen Professor an ebendieser Uni gemacht hat. Da viele ältere Japaner den Herren Nitobe kennen, konnte der hallenser Austauschstudent in Japan so seine Uni ins Gespräch bringen. Auch ich habe es ab und zu gemacht, weil ich einen dieser Scheine besessen habe.

Da auf allen Scheinen nur Herren abgebildet waren, wurde im Zuge der Gleichberechtigung der Herr Nitobe gegen Frau Higuchi ersetzt. Jedoch sind einige seiner Scheine noch im Umlauf und können auch noch ausgegeben werden.

Wie mit jeder Währung, sollte man auch mit dem Yen sparsam umgehen. Jedoch schien es mir im Großraum Tokyo schneller aus der Tasche zu gleiten, als daheim. Das lag wahrscheinlich auch an den höheren Preisen für Lebensmittel und anderen Waren. Derzeit besitze ich nur noch Münzen. Die Scheine wurden alle zurückgetauscht. Schade eigentlich. Ich hätte wenigstens noch ein bisschen Origami mit ihnen üben können.

Schicke Mützen, Herr Noguchi.

Soweit von mir.

Mittwoch, 1. September 2010

Sing mir ein Lied - Vokaloids

Während meiner Zeit in Japan sah ich viele merkwürdige Dinge und Erscheinungen der japanischen Popkultur. Eine davon drehte sich um ein fiktives, blauhaariges Mädel im Manga-Stil, welche bei Kennern der Szene unter den Namen Hatsune Miku bekannt ist.

Hatsune Miku (初音ミク) (Quelle: Crypton)

Konfrontiert wurde ich in Japan viel mit der Manga-Kultur, aber diese Miku begann durch ihre Eigenarten mein Interesse zu wecken, und ich recherchierte ein bisschen. Das, was ich gefunden habe, war ein Phänomen, von der Miku nur die populäre Spitze des Eisberges war: Vokaloids.

Dieses Thema nun in seiner Gänze zu erfassen zu wollen, würde die Ausmaße eines für mich normalen Eintrages sprengen. Außerdem haben auch schon andere über diese Thematik ausführlich berichtet, sodass mein Ziel nur eine kleine Vorstellung von diesem Teil der Popkultur Japans ist, welcher langsam sogar schon außerhalb Japans sichtbarer wird und im Netz schon längst präsent.

Aber zuerst gibt es zur Einstimmung in die Thematik zwei Musik-Videos. Das erste Video ist von Miku; das zweite von Luka Megurine.


Der Titel "Yukkuri shiteite ne!" kann sehr grob mit "Geh's locker an!" übersetzt werden.


Und? Wie klingt der Gesang?

Zuerst fallen einem diese merkwürdigen Stimmen der Sängerinnen auf, welche schon fast mit Computeransagen am Telefon vergleichbar sind. Und das sind sie auch, denn hinter den Stimmen stecken keine Menschen, sondern mit dem PC erzeugte, synthetische Stimmen. Sie wurden mit Stimmen-Synthesizern erzeugt, welche besser unter dem Namen Vokaloid bekannt sind.

Diese Software wurde 2003 von Yamaha entwickelt und kann mithilfe des Musiktextes, der Melodie und den Stimmeigenschaften (Vibrato, Lautleise, etc.) eine künstliche Gesangsstimme erzeugen. Beispielsweise wird die silbe "de" auf der Tonspur im Ton C wiedergegeben. Danach kommt "su" im Ton D und so weiter, bis der PC mit Singen anfängt.

Die Software hat verschiedene Versionen, welche immer mit anderen Grundstimmen besetzt sind. Viele von ihnen werden sogar nach echten Vorbildern erzeugt. So basieren Luka beispielsweise auf Yu Asakawa, Miku auf Fujita Saki und Gackpoid auf Gackt. Diesen Stimmen werden dann Namen und charmante Idole zugeordnet, um sie etwas "identifizierbarer" zu machen.

Die Vokaloid-Software ist frei verkäuflich und jeder kann mit dem Programm wie mit einem normalen Synthesizer seine Musik erzeugen. Ganz ambitionierte Leute kreiern sogar animierte Musikvideos mit den Charakteren und veröffentlichen diese in Videoportalen im Netz. Diese von Fans produzierten Stücke können dann auch sogar schon unter Plattenverträge kommen und im Laden als Album verkauft werden. Beispiele hierfür sind Supercell (feat. Hatsune Miku) oder Livetune. Weiterhin tauchen von einigen Liedern ebenfalls Remixe auf, und somit verbreitet sich das Phänomen.

Somit steckt hinter einer Stimme nicht eine einzelne Person, sondern eine Vielzahl unabhängiger Interpreten, welche nur dasselbe "Instrument" verwenden. In etwas so, als würde ein Castingshow-Gewinner gleichzeitig mit Liedern von Bohlen, Raab, Siegel und ebenfalls einer weiteren Reihe von unbekannteren Musikern produziert werden. Die Popularität bleibt aber zum Großteil bei den fiktiven Vokaloids.
Auch die Merchandise-Wirtschaft mit den Idolen der jeweiligen Vokaloid Serien rollt unaufhaltsam. Sie tauchen in Videospielen und Zeichentrick auf, und man kann Bildbände und Figuren von ihnen in den Fanshops Akihabaras finden.

Diese Thematik hat an vielen Orten ihre eigene kleine Welt geschaffen, welche sich im Netz und in Fankreisen einen festen Platz gesichert hat. Solange man aber als 08/15 Mensch nicht gezielt danach sucht, oder mit solchen Kreisen Kontakt hat, wird man auch nicht sehr von den türkisblauen Zöpfen mitbekommen. Ich wurde beispielsweise damals durch meinen Manga-Zirkel an der Uni darauf aufmerksam, als jemand ein Videospiel mit Miku gespielt hat.

Soweit von mir. Was haltet ihr von synthetischen Stimmen?


Quellen (mit Links):
Wikipedia (Standardinfos)
Know your Meme (Englisch, aber sehr ausführlich mit allen Idolen)
Youtube (Video 1, Video 2)
Crypton Future Media ("Erzeuger" von Miku,Luka und weiteren Vokaloids)


Donnerstag, 12. August 2010

Der Berg ruft - Takao

Am Mittwoch dem 11. August bin ich in aller frühe (gegen 8:00 Uhr) zusammen mit Susi, Kazu und Leon zum Berg Takao gefahren um diesen ca. 599 Meter hohen Giganten zu besteigen. Der Takao liegt ca. 50 Bahnminuten westlich vom Stadtgebiet Tokyo entfernt und ist leicht mit der Chuo Linie zu erreichen. Schon auf der Fahrt dorthin verändert sich die Landschaft, und man sieht mehr und mehr Natur, welche ich schon fast verloren geglaubt hatte.

So wenige Häuser. Ein doch ungewohnter Anblick für Tokyo.

Da Leon seine Kamera vergessen hatte, habe ich ihn öfters auch mal mit meiner knipsen lassen. Hier die Meute des Tages à la Leon.

Am Fuße des Berges angekommen mussten wir uns für eine der vielen möglichen Routen zum Gipfel entscheiden. Da auf einer von diesen ein besonderer Schrein lag, welcher wegen bestimmten Wesen berühmt ist, fiel uns die Wahl nicht allzu schwer und wir stiefelten los. Folgend die bebilderte Dokumentation des Auf- und Abstiegs:

Unberührte Natur, schwülwarme Luft und gröhlende Zikaden begleiteten uns auf dem steilen Weg nach Oben. Weitere Wegbegleiter waren unzählige buddhistische Jizo-Statuen, welche unseren Weg säumten und Wanderer beschützen sollen.

Warnungen wegen eventuellen Feuern und Affen, welche man nicht füttern darf. Aber auch wenn wir gewollt hätten; es waren keine Affen zu finden. Wer treibt sich denn auch schon bei der Hitze auf nem Berg rum?

An einem Rastplatz konnte man dieses Panorama sehen. Ein bisschen diesig zwar, aber man konnte schon einiges erkennen.

Rotkäppchen im Wald? Nein, noch ein kleiner Jizo.

Schmetterlinge, manche so groß wie Handlächen, flogen zwischen den Bäumen umher. Und im Geäst fand ich einen Glücksbringer.

Selbst auf den höchsten Bergen und vielleicht auch in den tiefsten Meeren braucht man als Japaner zumindest nicht die Getränkeautomaten und Souvenirshops missen. Die gibt es scheinbar überall.

Mitunter sahen wir auch einen "Tintenfisch-Ball", welcher bei Berührung Glück bringen sollte und eine buddhistisch-religiöse Stätte. Man erkennt immer wieder die starke Verbindung von Kultur und Natur in Japan.


Für die hungrigen Bergsteiger gab es auch einige Snacks für den Aufstieg. Die Figuren auf dem Bild links sollen tengu (jap.: "Himmelshunde") darstellen, welche angeblich in den Wäldern des Berges hausen. Es gibt welche mit Schnäbeln und welche mit riesigen Zinken.

Übrigens Tengu: Der Schrein auf unserer Route war eben diesen Wesen gewidmet. So ehrfürchtig, wie die auch dargestellt werden, gab es wahrscheinlich einen guten Grund. Und man kann sie wirklich an jeder Ecke finden. Aber ich mag sie irgendwie. Leider hab ich keinen live gesehen.

Wären wir im Herbst auf den Berg gestiegen, wäre diese Blatt blutrot gewesen. In den Herbstmonaten ist der Berg von Besuchern überfüllt, welche das Rot des Laubes sehen wollen. Leon war zu dieser Zeit da, und kann nur positives davon berichten. Von der Natur - nicht von den Besuchermassen.

Als wir schweißgebadet am Gipfel ankamen, fanden wir (neben den obligatorischen Getränkeautomaten) eine relativ gute Aussicht vor. Irgendwie war fast alles mit Büschen und Bäumen umgeben, sodass man nur durch bestimmte Nischen die Aussicht genießen konnte.


Da wir vom Aufstieg auch einen großen Hunger entwickelt haben, ging es auch gleich für ein paar Reisbällchen, Nudelsuppe und einem kühlen Wässerchen in ein kleines Restaurant.

Mit gefüllten Mägen machten wir uns dann auch wieder an den Abstieg. Diese Mal wählten wir eine Route, welche an einem kleinen Gebirgsbächlein entlangführt. Man fühlte sich auch gleich viel mehr in der Natur.

Leider kann man auf dem Bild nicht so gut erkennen, wie steil es manchmal an dem Flusslauf Bergab ging. Der Weg war relativ schmal und man befand sich immer inmitten von Grün und Natur.

Huch! Ein Männlein steht im Walde...

Scheinbar knipste das Männlein auch eine Menge an Bildern...

Und noch ein paar Rotkäppchen, weil es so schön war.

Nach gut 90 Minuten Abstieg kamen wir mit klapprigen Beinen wieder am Bahnhof an und fuhren, dem Muskelkater am nächsten Tag entgegenbangend, nach Hause.


Soweit von mir.